«Aber Moment, wer ist dort, leicht gebeugt, mit Kamera? Natürlich! Das Urgestein der Zürcher Gesellschaftsfotografen, Niklaus Stauss, geht auf der entfernten venezianischen Insel seelenruhig seinem Geschäft nach. So. Jetzt wissen wirs. Wir sind an der richtigen Party.»

© 07.06.2009, SonntagsZeitung, Ewa Hess, La Biennale di Venezia
© 2017, Portrait Niklaus Stauss von Katharina Lütscher

Biografie

Der Sommer 1959 ist heiss, als sich zwei junge Typen aus Zürich mit Motorrad und Zelt auf den Weg nach Saint-Tropez machen. Anfang 20, die Kamera dabei, hat ihre Reise nur ein Ziel: Brigitte Bardot fotografieren. Der Film «Et Dieu… créa la femme» («… und immer lockt das Weib») lief Ende der 50er Jahre auch in den Schweizer Kinos, der Mythos BB war schon geboren. Und in einer Zeit, als man die Stars noch hautnah erleben konnte, fahren die beiden Zürcher eine kleine Strasse in Südfrankreich entlang und ihnen entgegen kommt ein Döschwo – am Steuer die Bardot!

Als das Objekt der Begierde dann etwas später in einem kleinen Boot samt Boyfriend ein Sonnenbad nimmt, verstecken sich die Jungfotografen im Schilf, schiessen die ersten Fotos vom Ufer aus, und machen sich dann, die Kamera in der Plastiktüte, auf einer Luftmatratze an die blonde Schönheit ran. Doch Brigitte verpasst den beiden einen Denkzettel und fährt mit dem Boot fast über sie hinweg. Swinging sixties, alles nicht so ernst damals. Einer der beiden jungen Männer ist der Fotograf Niklaus Stauss.

Bereits als Jugendlicher fotografiert Stauss. Eine seiner ersten Aufnahmen zeigt eine verregnete Strassenansicht in der Nacht. In der damaligen Archivliste ist das Foto fein säuberlich aufgeführt, Film Nr. 19, die 146. Aufnahme, erstellt am 15.9.1952. Das hat sich nie geändert, denn bis heute führt Stauss präzise Buch über alle seiner Fotografien, deren Zahl schon lange die anderthalb Millionen-Marke überstiegen hat.

Die Biografie von Niklaus Stauss ist kunterbunt und vital. Er studierte in den 1950er Jahren an der Kunstgewerbeschule in Zürich, war Schaufensterdekorateur bei Jelmoli – damals die erste Adresse für diesen Beruf, reiste immer wieder um die ganze Welt, arbeitete als Grafiker, nahm Unterricht in Ausdruckstanz, realisierte eine Sondernummer des Jugendmagazins CLOU zum Thema Tanz, eröffnete ein Fotoatelier oder machte eine Werbeagentur auf. Seit den 1950er Jahren arbeitet Stauss als freier Fotograf für die legendäre Pressebildagentur Keystone.

Jimmy Hendrix hat Stauss 1967 im Hallenstadion Zürich fotografiert, damals wusste er noch nicht, wer Hendrix war. Josef Beuys fotografierte er viele Male, 1981 mit Koffer im Kunsthaus Zürich. 1991 hält Stauss den Pop-Art Künstler Robert Rauschenberg vor einer seiner Collagen fest, das Foto ging um die Welt. Oder in Cannes fängt er eine unbekannte Schöne ein, genau in dem Moment, als sie ein bisschen verloren, doch ungemein sexy einen Landungssteg hinunter kommt; die anderen Fotografen stehen noch oben auf dem Bootsdeck, blicken alle in die falsche Richtung und verpassen den magischen Moment.

Die Fotografien von Niklaus Stauss sind unschätzbare Zeitzeugen, sie zeigen zwar grosse Persönlichkeiten, doch vor allem zeigen sie Menschen, in einer gebührenden Distanz und doch ganz nah.

© 2008, Dorothea Strauss anlässlich der Einzelausstellung «Die Bugwelle der Bardot» in der Galerie Nicola von Senger.
© 1951, Foto: Hans-Ueli Blöchliger, Keystone SDA