Niklaus Stauss

Seit 1961 fotografisches Dokumentieren im archivierendem Sinn, unabhängig vom Popularitätswert. Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern, Tänzern, Schauspielern, Regisseuren, Sängern, Schriftstellern, Musikern, Filmern und Fotografen, im engsten Bezug zum jeweiligen Anlass, Werk und Umfeld.

Kontinuität im Begleiten der Entwicklungsphasen von Künstlern und Künstler-Gruppen über die Betonung von Einzelprojekten hinaus.

Biografie

Der Sommer 1959 ist heiss, als sich zwei junge Typen aus Zürich mit Motorrad und Zelt auf den Weg nach Saint-Tropez machen. Anfang 20, die Kamera dabei, hat ihre Reise nur ein Ziel: Brigitte Bardot fotografieren. Der Film «Et Dieu… créa la femme» («… und immer lockt das Weib») lief Ende der 50er Jahre auch in den Schweizer Kinos, der Mythos BB war schon geboren. Und in einer Zeit, als man die Stars noch hautnah erleben konnte, fahren die beiden Zürcher eine kleine Strasse in Südfrankreich entlang und ihnen entgegen kommt ein Döschwo – am Steuer die Bardot!

Als das Objekt der Begierde dann etwas später in einem kleinen Boot samt Boyfriend ein Sonnenbad nimmt, verstecken sich die Jungfotografen im Schilf, schiessen die ersten Fotos vom Ufer aus, und machen sich dann, die Kamera in der Plastiktüte, auf einer Luftmatratze an die blonde Schönheit ran. Doch Brigitte verpasst den beiden einen Denkzettel und fährt mit dem Boot fast über sie hinweg. Swinging sixties, alles nicht so ernst damals. Einer der beiden jungen Männer ist der Fotograf Niklaus Stauss.

Bereits als Jugendlicher fotografiert Stauss. Eine seiner ersten Aufnahmen zeigt eine verregnete Strassenansicht in der Nacht. In der damaligen Archivliste ist das Foto fein säuberlich aufgeführt, Film Nr. 19, die 146. Aufnahme, erstellt am 15.9.1952. Das hat sich nie geändert, denn bis heute führt Stauss präzise Buch über alle seiner Fotografien, deren Zahl schon lange die anderthalb Millionen-Marke überstiegen hat.

Die Biografie von Niklaus Stauss ist kunterbunt und vital. Er studierte in den 1950er Jahren an der Kunstgewerbeschule in Zürich, war Schaufensterdekorateur bei Jelmoli – damals die erste Adresse für diesen Beruf, reiste immer wieder um die ganze Welt, arbeitete als Grafiker, nahm Unterricht in Ausdruckstanz, realisierte eine Sondernummer des Jugendmagazins CLOU zum Thema Tanz, eröffnete ein Fotoatelier oder machte eine Werbeagentur auf. Seit den 1950er Jahren arbeitet Stauss als freier Fotograf für die legendäre Pressebildagentur Keystone.

Jimmy Hendrix hat Stauss 1967 im Hallenstadion Zürich fotografiert, damals wusste er noch nicht, wer Hendrix war. Josef Beuys fotografierte er viele Male, 1981 mit Koffer im Kunsthaus Zürich. 1991 hält Stauss den Pop-Art Künstler Robert Rauschenberg vor einer seiner Collagen fest, das Foto ging um die Welt. Oder in Cannes fängt er eine unbekannte Schöne ein, genau in dem Moment, als sie ein bisschen verloren, doch ungemein sexy einen Landungssteg hinunter kommt; die anderen Fotografen stehen noch oben auf dem Bootsdeck, blicken alle in die falsche Richtung und verpassen den magischen Moment.

Die Fotografien von Niklaus Stauss sind unschätzbare Zeitzeugen, sie zeigen zwar grosse Persönlichkeiten, doch vor allem zeigen sie Menschen, in einer gebührenden Distanz und doch ganz nah.

© 2008 Dorothea Strauss anlässlich der Einzelausstellung «Die Bugwelle der Bardot» in der Galerie Nicola von Senger.

Buch

Der Zürcher Fotograf Niklaus Stauss ist in seiner langen und aussergewöhnlichen Karriere schon immer an Kulturellem interessiert gewesen: Im Verlauf von mehr als sechzig Berufsjahren hat er über 50’000 Persönlichkeiten aus Kunst, Musik, Theater, Oper, Literatur, Film und Tanz fotografiert. Er war in der Garderobe von Louis Armstrong, fotografierte die Bardot von seiner Luftmatratze aus und begleitete Schweizer Kulturgrössen wie etwa Niklaus Meienberg, Harald Szeemann oder Daniel Schmid über viele Jahre hinweg. Dabei ist er kein Paparazzo, er fotografiert einfach die Menschen an dem Ort, an dem er sich selbst gerade aufhält. Auch wenn diese (noch) gar nicht berühmt sind, sind für ihn alle Akteure interessant, weil in ihnen etwas stecken könnte, das erst künftig zutage tritt. So finden sich denn in dieser Werkschau häufig Bilder aus den Anfängen grosser Karrieren und Ereignisse. Dass zahlreiche Porträtierte später tatsächlich berühmt wurden, zeigt Stauss’ feines Gespür für ihr Potential.

Das Buch liefert einen Überblick über das Schaffen des Fotografen, aber es ist auch eine sehr persönliche Dokumentation der Schweizer und europäischen Kulturszene der letzten sechzig Jahre. Nicht zuletzt ist das Buch eine Hommage an den Vater zum runden Geburtstag, herausgegeben von seiner Tocher Barbara Stauss.

© 2018 Edition Patrick Frey

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